Die Insel

Langeoog

Hafen2

Während meiner Schulzeit wussten sämtliche Insulanerkinder, dass ich jodeln konnte und forderten mich auch oft genug dazu auf, leider war mir diese erstaunliche sprachliche Fähigkeit nicht bewusst. Aber dafür ernährten sich die Langeooger auch nicht nur von Fisch.
Klischees sind etwas Wundervolles.
Meine Eltern hatten während dieser Zeit ein Ferienhaus in den Bergen, in der Nähe von St. Johann in Tirol. Wir verbrachten beinahe jeden Urlaub dort, was mir das Einleben in die nordischen Gefilde nicht unbedingt erleichterte.
Aber schön war´s trotzdem.
Wie wahrscheinlich jeder Mensch, weiß ich heute nicht mehr wie ich meine Kindheit und Jugend überlebt habe. Die Details um meine erste schmachtende Liebe, das schüchterne Strandkörbeln und den unweigerlichen Trennungsschmerz am Ende eines Sommers erspare ich ihnen an dieser Stelle.
Das möchten sie doch bestimmt nicht hören, oder?
Der erste große Einschnitt meines Lebens kam, als der Realschulverein Langeoog Konkurs anmelden musste. Damit war es unmöglich auf der Insel das Abitur abzulegen. Zwar gab es in der nächsten Stadt auf dem Festland ein Gymnasium samt Internat, aber zum ersten Mal lernte ich, dass es zwei Möglichkeiten gab, ein Problem zu lösen.
Die Erste, normale und Naheliegendste, die vermutlich auch die meisten Leute wählen würden und die Zweite, speziell nur für meine Familie reservierte, die meistens deutlich unorthodoxer war.
Meine Eltern waren Fans dieser zweiten Möglichkeit – in allen Lebenslagen.
Und so durfte ich den Rest meiner schulischen Karriere in Österreich zu Ende bringen, in unserem Ferienhaus, eine Stunde Fahrtzeit von der Schule in St. Johann entfernt.Berge2
Es gingen pro Tag drei Schulbusse hin und zwei wieder zurück. Damit war ich als unfreiwillig freiwilliger Wahlostfriese plötzlich in den Bergen gestrandet. Flipper hätte sich im Tomatenbeet des örtlichen Kleingartenvereins nicht wohler fühlen können.
Während ich also in den Bergen nach Fisch suchte …
… bemerkenswerterweise war nur einen Steinwurf von unserem Urlaubsdomizil oder meinem persönlichen Elba eine Forellenräucherei, ein Umstand, dem ich vermutlich mein Überleben verdanke …
… versuchten meine Eltern sich auf Langeoog selbstständig zu machen.
Mit einem bayrischen Braustüberl auf einer ostfriesischen Insel.
Aber es lief.
Da meine Eltern händeringend Hilfe brauchten, verließ ich – nicht ganz unfreiwillig – mein Exil und kehrte auf die Insel zurück. Es folgten einige Jahre, in denen ich Erfahrungen in der Gastronomie sammeln durfte. Um es kurz zu machen, zum Chef de Rang bin ich nicht geboren, statt des Bestecks reichte ich die Tatwaffen.
Nach dem bayrischen Braustüberl übernahmen wir den Taxibetrieb der Insel.
Konsequente Weiterentwicklung eines Lebensweges?
Strand2Nun nicht unbedingt, aber dafür typisch für uns. Auf einer autofreien Insel liefen die Pferde bei einem Taxi nicht unter der Haube, sondern davor und  Droschkenkutscher auf Langeoog hörte sich so ähnlich ausgestorben an, wie Dinosaurier. Es war eine schöne Zeit, in der ich unzählige Anekdoten und Impressionen sammeln durfte, aber wie jede schöne Zeit …

… sie wissen schon.
Der Verpächter des Hofs, den wir bewirtschafteten, trat den Weg allen Irdischen an und die Kinder wollten den Hof verkaufen. Nichts dagegen einzuwenden, nur manche Dinge sind einfach zu teuer,
So berauschend die Jahre auch gewesen waren, Kutschfahrten am Strand entlang, das Leben mit Pferden, die Arbeit mit Menschen …
… ich wollte es nicht um jeden Preis bis zum Ende meiner Tage machen.
Es gibt Berufe, die sind toll, solange man ein gewisses Alter nicht erreicht hat. Danach weiß man, dass auch Peter Pan irgendwann erwachsen werden muss.