Angeschwemmt 1.8

Angeschwemmt

Aggra, XII. Martius, MMMCDLXX Anno Urbis Conditæ, Hora Secunda
(Unterwasserstadt, 12. März 2008, Vormittag)

Aus dem Wasser um mich herum stieg Nebel auf, er kroch über meine Brustflossen zu meinen Flanken, wand sich in meine Kiemen, tastete sich über meinen Rücken und hüllte mich schließlich vollkommen ein. Ich war umgeben von einem kühlen Kokon aus glitzerndem Dunst. Der Gesang veränderte sich und trieb davon, hinaus ins Meer und hinauf zu den Wellen. Ich folgte den Klängen, die wie Möwen vor dem Kreis der Sonne tanzten, wie Delfine tollkühn auf der Gischt ritten und mit dem Bug eines Schiffes um die Wette schwammen …
… und ich folgte ihnen, als sie wieder in das Dunkel des Ozeans eintauchten und mich zurück zur Aggra brachten.
Für endlose und unendlich kostbare Sekunden hatte ich die Welt gespürt.
Ich bäumte mich auf und kräftige Hände drückten mich wieder unter Wasser, ich schlug mit der Schwanzflosse und peitschte das Wasser im Becken zu einem brodelnden Strudel …
»Ruhig, ruhig Mädchen, es ist alles gut«, wieder er von dem ich noch nicht mal den Namen kannte.
Ich beruhigte mich langsam wieder.
Der Schleier vor meinem Bewusstsein und die wattige Taubheit in meinen Gliedern waren verflogen.
Ich bin Mi´lana von den ma´Anan …
… und ich werde heute noch nicht sterben.
Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag.
Ich war fast …
… was immer Bo´velo getan hatte, er hatte mich von der Schwelle des Todes zurückgeholt.
Ich sah mich um, die drei aman´Natur waren klatschnass, Ai´lira hatte ich umgeworfen, sie kniete in dem Becken und rappelte sich wieder auf, aber sie grinste breit und strahlte Bo´velo an, »das war wirklich eine satte Leistung«.
Er war blass und wirkte auslaugt, »… und keine Minute zu früh«.
Ai´Lira schlug mir aufmunternd auf die Rückenflosse, »es ist vorbei, du hast es geschafft, du kannst dich jetzt verwandeln oder willst du den ganzen Tag hier rumdümpeln. Und du könntest uns mal verraten, wie du heißt«.
Und da ist das nächste Problem, über das ich nie nachgedacht habe …
… wie bei allen Wassern wechselt man die Gestalt?
Ich öffnete den Mund und sog hektisch einen Schwall Wasser ein.
Wie soll ich ihnen das jetzt erklären?
Dass ich etwas nicht kann, das für sie selbstverständlich ist.
Das Blut rauschte durch meine Adern und pochte in meinen Schläfen, mein Herz hämmerte, als wollte es den Brustkorb sprengen.
Wenn ich mich schnell umdrehe und …
… nein ich komm vielleicht durch den Tunnel aber nie durch die Nesselfäden.
Scheiße!
Bo´velo war neben mir in die Hocke gegangen und streichelte die hintere Kante meiner linken Brustflosse. Ich folgte seiner Bewegung mit den Augen, als Junges hatte ein Tintenfisch dort ein Stück aus meiner Flosse herausgebissen, weil ich zu blöd zum Fressen war.
»Nein Ai´lira ich glaube, das kann sie nicht«, sagte er leise.
»Bitte?«
»Sieh dir ihre Narben und die Verletzung an ihrer Flosse an, sie hat mit ihrer Nahrung gekämpft, um jeden Bissen und mit jeder Makrele und jedem Seelöwen. Sie hat nie einen Gesang für die Jagd gewirkt. Sie ist eine nu´Lacha, sie kennt keine Gesänge außer denen der Erinnerung«, Bo´velo strich mir sanft über die Schnauze.
Ai´lira ging ebenfalls in die Hocke. Ich sah zwischen den beiden hin und her.
»Aber die gibt es doch gar nicht mehr!«, sie klang, als wäre ich ein Geist.
»Nun mindestens eine gibt es offensichtlich noch«, er beugte sich ein wenig nach vorn.
»Ich grüße dich Schwester, was führt dich zu uns?«, er projizierte seine Stimme in mein Bewusstsein, er klang dunkel und rollend wie ein Herbsturm, der das Meer gegen eine Felsküste donnerte …
… und ein wenig mystisch, wie die Gesänge eines Pottwals, die aus den Tiefen des Ozeans hinaufwehten.
Jetzt war er gekommen, der Moment nach dem ich mich so gesehnt hatte und vor dem ich zugleich so viel Angst hatte.
Ich musste es sagen …
»Mein Schwarm … sie sind alle tot. Darf ich bei euch bleiben?«
Zum ersten Mal hatte ich es eingestanden – mir und jemand anderem. Ich hatte gesagt, dass sie tot waren.
Es fühlte sich an, als würde ein Panzer aus Seepocken bersten.
Das war der Grund, weshalb ich nicht zu einem der aman´Natur vor der Aggra geschwommen war, in dem Moment, in dem ich es aussprach, machte ich das Unfassbare wirklich und greifbar, es wurde zu einer Tatsache.
Sie waren alle tot.
Erst die exotische nam´Valach gab mir die Kraft, diese letzte Hürde zu nehmen.
Und sie sagen nichts …
Sie schwiegen und sahen mich einfach an.
Ich bin eine nu´Lacha und kann nicht einmal meine Gestalt wechseln, vom Leben der aman´Natur in der Aggra trennt mich mehr als ein Ozean, den ich in zehn Leben durchschwimmen könnte.
Und ich war wirklich so vermessen zu glauben …
In meiner Verzweiflung habe ich mich bis auf die Knochen blamiert, sie sind die Herren der Unterwasserstadt und ich nur …
… ein dummer Fisch, der es nicht einmal schafft, ein paar Nesselfäden auszuweichen.
Wenn ich sie bitte mich hinauszubegleiten, vielleicht ersparen sie mir dann …
Meine Kehle fühlte sich wieder wie zugeschnürt an.
»Es tut mir unendlich leid für dich«, Bo´velos Stimme rauschte in meinem Kopf, diesmal klang sie leise, wie ein Sturm, der sich gerade auflöste, » … und natürlich kannst du bei uns bleiben, Schwester. Wie darf ich dich nennen?«
»Mi´lana, ich heiße Mi´lana.«
Er lächelte, »ein schöner Name Mi´lana. Möchtest du in deiner va´Lascha außerhalb der Aggra bleiben oder mit uns in der Stadt leben?«
Ich schluckte.
»Bei euch … ich möchte bei euch leben, aber …«
»Das schaffst du! Wenn du willst, leite ich dich das erste Mal.«
Mein Herz hämmerte …
… ich darf bleiben!
»Ja bitte.«
Er nahm meine beiden Brustflossen und sah mich an, »gut in werde den Gesang beginnen, und wenn du meinst, du bist soweit, stimmst du einfach ein«.
Ich starrte ihn entsetzt aus tellergroßen Augen an, »jetzt?«
Er lachte, »ja klar oder sollen wir dir ein Aquarium bauen?«
Bevor ich noch etwas sagen konnte, begann er den Gesang der Veränderung zu wirken. Es war ein wunderschönes Lied, es erzählte vom Meer, das auf dem endlosen Sandstrand auslief, von den Brechern, die sich tollkühn im Sturm auftürmten und mit den Wolken wetteiferten und vom Regen, der als winziger Tropfen aus dem Himmel fiel, sich mit den Wogen vereinigte, eins wurde mit dem ewigen Ozean, bevor er als Gischt auf den Wellen tanzte, im Frost erstarrte und wie Silber die Reling eines Schiffes verzauberte, unter den Strahlen der Sonne verdampfte und wieder zum Himmel aufstieg …
… und ich werde dieser Tropfen sein, der seine Gestalt tausendfach verändert.
Das Lied hallte von den gischtweißen Wänden, Bo´Velo stimmte es wieder und wieder an, ich versuchte den Rhythmus zu finden, die Klänge zu treffen. Und dann atmete er plötzlich tief ein, sah mich an …
… und wir setzten beide gleichzeitig an, unsere Stimmen verwoben sich, fielen mit dem Tropfen in den Ozean, jubelten, als er gischtgeboren auf den Wellen ritt, und klirrten, als er zu glitzerndem Eis erstarrte.
Meine Brust hob sich, Wasser schoss in meine Lunge. Ich keuchte, hustete, kräftige Hände zogen mich hoch, jemand schlug mir auf den Rücken.
Ich würgte einen Schwall Wasser hervor und starrte auf meine …
… Hände.
Ich hatte Hände!
»Scheiße ist die hübsch geworden«, rief Ai´lira.
Bo´velo lachte, »ja das sagen die Gesänge der Erinnerung, die nu´Lacha haben von uns allen die schönste e´Tascha«.
Wieder eine Strophe in den Gesängen, die Ti´remo uns nicht gelehrt hat.