Angeschwemmt 1.7

Angeschwemmt

Aggra, XII. Martius, MMMCDLXX Anno Urbis Conditæ, Hora Secunda
(Unterwasserstadt, 12. März 2008, Vormittag)

Der Tunnel war kreisrund, drei- oder viermal so breit, wie ich lang war und wurde von vier Bahnen lumineszierender Lichter oben, unten und an den Seiten erhellt, die Wände bestanden aus grob behauenen Steinen. Er führte leicht schräg nach oben und nach einer gefühlten Ewigkeit mündete er in einem runden Raum, von dem drei kleinere Schächte abzweigten. Die beiden aman´Natur wählten den Mittleren und nach ein paar Flossenschlägen durchstießen wir die Wasseroberfläche.
Ich bin in der Aggra.
Das musste die nam´Valach, die Halle des Wassers sein.
Meine beiden Begleiter verwandelten sich, der Fischschwanz der i´Tascha verfloss in wenigen Augenblicken zu zwei Beinen und vom Rand des Beckens in dem wir aufgetaucht waren kamen zwei Menschen mit Tüchern und Kleidern.
Wie in den Gesängen der Erinnerung …
Die Halle war riesig, die Wände strahlten in Gischtweiß und trafen sich hoch über unseren Köpfen in einem kühnen Bogen – es sah fast aus, wie ein Schiff der Menschen, das kieloben lag. Die Stützbögen und Säulen schimmerten perlmuttfarben und von der Decke hingen gewaltige Leuchtkörbe, die ein weiches gelbes Licht verbreiteten.
Ich war immer noch gelähmt, konnte keine Flosse bewegen und alles fühlte sich seltsam taub und vage an. Mein Bewusstsein kämpfte mit einer wattigen Schwärze, die mich mit verführerischen Worten und Gesichtern lockte.
Ist das nicht Ta´berian, der vor mir in das Dunkel schwimmt und aufreizend mit der Schwanzflosse wedelt?
Ich habe ihm nie zugestanden mein leren´Velan zu sein, aber ich habe ihn immer so gesehen.
Warum habe ich mich nie mit ihm gepaart?
Wir waren alt genug …
… aber ich habe immer gewartet, auf den richtigen Augenblick, den verzauberten Moment oder was auch immer.
Alle haben darauf gewartet, dass wir es endlich tun und dem Schwarm ein Junges schenken …
Die Verbindung haben wir gespürt, aber mir war es nicht genug – und jetzt ist er tot.
Nein!
Da vorne schwimmt er, ein leuchtender Schatten vor der Schwärze …
»Hey! Da bleiben! Nicht ohnmächtig werden«, die Stimme explodierte förmlich in meinem Kopf und riss mich zurück, weg von der Dunkelheit …
… und Ta´berian.
Ich blinzelte, das Weibchen, Ai´lira hatte er sie genannt, stand über mich gebeugt und schaufelte mir Wasser in die Kiemen. Sie trug eine weiße Tunika mit roten Streifen …
… ja Tunika heißt die Kleidung in den Gesängen.
Das Männchen redete mit einem der Menschen, auch ein Weibchen, sie nickte und rannte davon, dann drehte er sich um und half Ai´lira mir Wasser zuzufächeln.
»Durchhalten Mädchen, das schaffst du«, wieder seine Stimme, sie klang kraftvoll und weich zugleich, wie eine Mischung aus Ti´remos Donnern und dem sanften Wogen von Ta´berian.
»Sie dir nur die Narben an, die Kleine hat echt was durchgemacht«, das war Ai´lira, sie sprach in der Art der Menschen, die Worte und Klänge der Sklavensprache hatten mich in den Gesängen der Erinnerung immer besonders fasziniert.
Was Ti´remo jetzt wohl sagen würde?
Ich schloss Augen.
Ich habe es tatsächlich in die Aggra geschafft …
… und jetzt sterbe ich,.
Ich konnte die Kälte fühlen, die langsam von den Spitzen meiner Flossen nach oben kroch und das Atmen fiel mir immer schwerer.
Das Gift der Qualle …
… warum hat sie den Jungen nichts getan aber mir?
Egal, ich habe die Aggra gesehen, und wenn ich mich mit dem Wasser vereine, treffe ich meinen Schwarm wieder …
… und ich sterbe nicht allein.
Ich hätte doch einfach fragen sollen, sie sind nett.
Etwas platschte ins Wasser und riss mich aus meiner Dämmerung.
»Bo´velo endlich, … sie ist in die Nesselfäden gekommen«, wieder er.
Ein weiteres Männchen war in das Becken gesprungen. Er trug lustig wallende Gewänder, die hinter ihm her wehten wie lose Netze in der Strömung, während er auf mich zu hechtete.
»Bei allen …«, keuchte er.
»Sie sieht schlimm aus nicht wahr«, Ai´lira strich mir über den Kopf.
»Ja, aber eines nach dem anderen«, Bo´velo legte mir eine Hand auf die linke Flanke und …
… er wirkte einen Gesang, den ich noch gehört hatte. Die Töne waren sanft und kräftig zugleich, passten sich im Rhythmus an den Schlag meines Herzens an und durchdrangen mich wie Wasser einen Schwamm. Ich trieb auf den Klängen der fremdartigen Weise, wurde von ihnen aus meinem Körper gehoben, schwebte über mir und sah auf den schlanken Hai inmitten der drei Menschen herab.
Bin ich das wirklich?