Angeschwemmt 1.6

Angeschwemmt

Pride of the Seven Seas, 05.07.2008, Vormittag

Das normalerweise blitzblaue und spiegelglatte Meer kochte. Dicht neben der turmhohen Schiffswand brodelte das Wasser, aus dem dunklen Blau war ein blutiges Rot geworden, in dem sich schwarz-weiße und graue Leiber wanden, wie im Garten der Lüste von Hieronymus Bosch – allerdings eher im rechten Flügel.
Er war Zeuge eines Gemetzels, ein Rudel Killerwale massakrierte irgendwelche anderen Fische.
Publikumswirksam direkt neben einem Kreuzfahrtschiff, wenn er es nicht besser wüsste, würde er annehmen die Viecher stünden bei der Reederei unter Vertrag.
Wer jetzt ein Handy dabei hatte und filmte, hatte eine Million Klicks garantiert.
Plötzlich schoss einer der schwarz-weißen Giganten aus dem Wasser, ein grauer Schatten hing an seiner Rückenflosse, der Wal ließ sich seitlich in einer riesigen Fontäne aufs Wasser klatschen und der Schatten wurde wie Spielzeug weggeschleudert.
Schreie.
Die Passagiere an der Reling schrien und brüllten, die Luft war vom Surren und Klicken aus hunderten Kameras und Handys erfüllt, es hörte sich an, als wäre ein zorniger Hornissenschwarm über das Deck hereingebrochen.
Ein Hai!
Das Graue war ein Hai gewesen!
Lasse Sattler starrte auf das reglose Tier, das wie in Zeitlupe in dem verwaschenen Rot versank.
Die Killerwale fressen …
… Haie!
Das war …
Es war nur ein leichter Lufthauch, den er kaum spürte und ein Huschen in den Augenwinkeln, fast widerwillig riss er sich von dem morbiden Reigen im Meer los und wandte sich zur Seite.
Direkt neben ihm lag eine junge Frau auf dem hellen Holzdeck.
Ohnmächtig …
… sie war ohnmächtig geworden.
Er blinzelte.
Sie trug die blau-gelbe Uniform der Pride of the Seven Seas und wie bei weiblichen Besatzungsmitgliedern üblich war das Oberteil bauchfrei und ähnelte einem Bolerotop. Eines der wenigen Highlights der Reise, da die meisten Servicemitarbeiterinnen noch mitten in ihren Zwanzigern waren.
Wie gebannt saugte sich sein Blick an ihrem Bauchnabelpiercing fest, ein paar winzige, mit Strasssteinchen geschmückte Handschellen.
Sie lag da und bewegte sich nicht mehr, eingekeilt zwischen Beinen, Badelatschen und Nagelpilz und – es interessierte niemanden.
Die Menge johlte und grölte, wenn wieder einer der Killerwale mit einem Stück Beute im Maul aus den blutroten Fluten auftauchte. Aus zivilisationsverwöhnten Frührentnern und überbezahlten IT Nerds war ein Mob geworden, der sich an dem blutigen Spektakel aufgeilte. Die schwachen Nerven der jungen Frau zu seinen Füßen war bestenfalls das Tüpfelchen auf dem I und sollte sie unglücklicherweise totgetrampelt werden, wäre es ein gnädiger Akt sozialdarwinistischer Flurschadenbereinigung.
Schließlich hatten nur die stärksten einer Art das Recht verdient, ihre Gene weiterzugeben.
Er schluckte und hätte am liebsten in das nächste feiste Mondgesicht geschlagen …
… aber ein Tumult war nicht hilfreich.
Stattdessen kniete er sich nieder, schlug gegen ein paar Beine und maulte, »gehen sie doch mal bitte ein Stück zur Seite«.
Sie hatte seltsam hellblonde Haare, die sie als Pferdeschwanz trug, ein feingeschnittenes Gesicht mit hohen Wangenknochen und einer schmalen Nase und sanft geschwungene Lippen, die …
… er schüttelte den Kopf, dass sich gerade etwas in seiner Leistengegend regte, war vielleicht männlich aber bestenfalls peinlich – auch wenn mit Steffi in letzter Zeit wirklich nicht mehr viel gelaufen war.
Er versuchte seine Gedanken wieder auf die dringlicheren Probleme zu fokussieren – zum Beispiel auf die Bewusstlose. Dass er als Galan der alten Schule vor ihr kniete, machte vielleicht ein tolles Bild, half ihr aber herzlich wenig.
Er könnte sie zu einem der Deckchairs tragen …
… theoretisch hörte sich das toll an, aber praktisch müsste er sie dafür durch mehrere Reihen des Mobs bugsieren – und er war nicht mit der Statur eines antiken Sandalenhelden gesegnet, der sich eine Schönheit mal eben so über die Schulter warf. Auch wenn sie zierlich war, wog sie garantiert vierzig bis fünfzig Kilo, außerdem meldeten sich bei der Vorstellung die rudimentären Überreste seines Erste Hilfe Kurses zu Fahrschulzeiten. Man sollte eine ohnmächtige Person nicht unnötig bewegen …
… Wirbelverletzung …
… Erstickungsgefahr durch Erbrochenes und wahrscheinlich hatte sie sich bei dem Sturz eine Gehirnerschütterung zugezogen.
Seine Gedanken überschlugen sich, während er auf die Frau starrte. Die Zeit schien plötzlich stillzustehen und es gab nur noch sie und ihn. Er war gefangen in seinem persönlichen Universum mit ihr und seiner eigenen Hilflosigkeit.
… stabile Seitenlage, lebensrettende Sofortmaßnahmen?
Zwischen den Stühlen und Tischen in dem alten Klassenzimmer und ein halbes Leben in seiner Vergangenheit war das ein Scherz gewesen, eine lästige Pflichtübung für den Lappen und etwas, das man niemals wieder brauchen würde. Das Gewirr aus Armen und Beinen der stabilen Seitenlage bekam er nicht mehr hin – zumindest nicht, ohne ihr dabei jeden zweiten Knochen zu brechen.
Er musterte sie von oben bis unten, sie schien nicht verletzt, vielleicht wirklich nur die Nerven und das viele Blut.
An den Seiten hatte sie etwa handbreite Streifen dunkler Flecken, die sich vom unteren Rand des Tops bis zum Bund der Hose zogen. Die Flecken waren münzgroß, wirkten seltsam blass und die Ränder waren verwaschen …
… früher waren die Tattoos einfallsreicher.
Er legte zwei Finger an ihren Hals, es sah zumindest halbwegs professionell aus und im Fernsehen machten sie das auch immer.
Panik schlug über im zusammen …
… unter seinen Fingerkuppen spürte er die Wärme ihrer Haut, die prickelnde Feuchtigkeit von Schweiß aber – keinen Puls.
Ihm stockte der Atem.
Während er sie angeglotzt hatte wie eine Kuh den Mond …
… seine Gedanken überschlugen sich wie ein Hund, der seinem eigenen Schwanz hinterherjagt.
Herzdruckmassage war logisch und lustig gewesen, damals an dem Dummy ohne Arme und Beine, der nie richtig funktioniert und dem er mehrmals die Rippen gebrochen hatte – und der geschlechtsneutral gewesen war.
Am lebenden Objekt kollidierte der engagierte Ersthelfer mit gesellschaftlichen Konventionen und Normen. In letzter Konsequenz hieß das …
… wenn er ihr helfen wollte, musste er zum gemeinen Busengrabscher mutieren und …
… er beugte sich nach vorn, holte tief Luft und presste seine Lippen auf ihre.
Die Ohrfeige traf ihn völlig unerwartet.
Er schrie erschreckt auf und zuckte zurück.
Die junge Frau stieß ihn kräftig zur Seite, funkelte ihn wütend an und fauchte, »Arschloch!«