Angeschwemmt 1.5

Angeschwemmt

Nordatlantik irgendwo vor Island, 12.04.2009, Nachmittag

Ich drehte mich wieder in normale Schwimmlage.
Gut, nächstes Problem, wie komme ich rein?
Wieder etwas über das ich mir nie Gedanken gemacht hatte. Es gab keine Passage in den Gesängen der Erinnerung, die einen Eingang in die Aggra beschrieb. Zumindest keine, die ich kannte.
Durch die Kuppel werden sie wohl kaum schwimmen.
Oder?
Warum eigentlich nicht?
Ich steuerte auf die schillernde Oberfläche zu und berührte sie mit einer Brustflosse. Eine bunte Farbkaskade aus konzentrischen Ringen explodierte unter meiner Flossenspitze …
… aber es fühlt sich fest an.
So also schon mal nicht.
Aber wie dann?
Ich könnte ja einfach jemanden fragen.
Aber ersten erstens hielten sie sich weiter von mir fern, als ich meine Stimme in ihr Bewußtsein projezieren konnte, und zweitens sträubte sich etwas in mir dagegen. Irgendwie hatte ich die Vorstellung, dass sie mich schwerer abweisen konnten, wenn ich erst einmal in ihrer Stadt war.
Ich ließ mich langsam nach unten sinken.
Also wie komm ich rein?
Vor mir tauchte eine Gruppe Junge auf, sie waren deutlich kleiner als mein Schreckgespenst hinter dem Stein.
Ich sog hektisch einen Schwall Wasser ein.
So klein können sie noch nicht weit und lange schwimmen, sie werden wahrscheinlich bald wieder zu ihren Eltern zurückkehren …
… und die sind garantiert in der Stadt.
Ich ließ mich noch ein Stück absinken und versuchte ihnen so unauffällig wie möglich zu folgen. Es dauerte nicht lange, bis hinter mir vier Schatten auftauchten. Sie hielten Abstand, aber die Botschaft war klar – komm ihnen nicht zu nahe!
Jetzt war ich nicht nur eine verrückte ma`Anan, die sich verschwommen hatte und seltsam benahm, sondern stellte auch noch ihren Jungen nach.
Toll!
Es wird nicht besser und ich bin gerade dabei es so richtig in den Sand zu setzen.
Also doch jemanden fragen?
Und wen? Die Vier in meinem Nacken machten keinen besonders hilfsbereiten Eindruck und neben einem kurzen Abriss meiner leidvollen Geschichte, und dass ich mich den aman´Natur anschließen wollte, müsste ich noch erklären was ich an der Schwanzflosse ihrer Jungen zu suchen habe.
Ich war eine ma´Anan und passte nicht hierher.
Ich fühlte mich, als würde ein Makrelenschwarm in meinem Kopf kreisen.
Die Schar Junge verschwand zwischen den Tentakeln der Qualle.
Scheiße!
Wenn ich die jetzt auch noch verliere …
Ich wendete und schoss mit einem kräftigen Schlag der Schwanzflosse in das wogende Gewirr aus blauen Fäden.
Ich schrie.
Einer der Nesselfäden glitt quälend langsam über meine Flanke und zog eine Spur aus flüssigem Feuer über meine Haut. Ein Zweiter driftete wie zufällig auf mich zu, ich versuchte auszuweichen, aber meine gesamte linke Seite war gelähmt.
Er traf mich hinter dem Kopf und strich fast zärtlich über meine Rückenfinne. Schmerz pulsierte in grellen Wogen durch meinen Körper. Ich schrie wieder, versuchte mich zu drehen und den Fangarmen zu entkommen aber ich konnte mich nicht bewegen. Nicht wie damals im Riff bei den Orcas, als ich mich zwischen die Korallen gekauert hatte, sondern …
… es war eine bleierne Taubheit, ein diffuses Brennen, das sich mit tastenden Fingern von den feurigen Spuren der Nesselfäden ausbreitete und jedes Gefühl und jede Kontrolle über meine Gliedmaßen erstickte.
Ich spürte meine Flossen nicht mehr …
… und sank.
Etwas wickelte sich um meine Schwanzflosse, ich sah die leuchtenden Bahnen aus den Augenwinkeln, aber empfand nichts dabei, als sie sich wie in Zeitlupe um mich wanden.
Die Lähmung kroch immer weiter durch meinen Körper. Jeder Schlag meines panischen Herzens peitschte das Gift der Qualle weiter durch meine Adern.
Ich bin eine ma´Anan und habe hier nicht zu suche …
… es wurde dunkel …
… langsam …
… fast als würde ich aus den lichtdurchfluteten Weiten eines Korallenriffs in die endlose Tiefe abtauchen. Ich blinzelte schwach, aber die Schwärze schwappte immer weiter von den Rändern meines Gesichtsfeldes in die Mitte, ich trieb in die Dunkelheit des Vergessens.
Der Wasserstrom an meinen Kiemen riss ab, ich konnte nicht mehr atmen.
»Bist du eigentlich komplett wahnsinnig!«, die Stimme in meinem Kopf donnerte wie Ti´remos, wenn ich mal wieder irgendeine thunfischdämliche Tradition der ma´Anan verletzt hatte.
Irgendetwas packte mich, zog mich nach oben, frisches Wasser spülte an meinen Kiemen vorbei.
»Komm schon halt durch Mädchen! Nicht schlappmachen. Hast du sie Ai´lira?«
Wieder die Stimme.
Blaues Licht flammte um mich herum auf, die Dunkelheit um mich herum wich langsam zurück, ich zuckte schwach zusammen.
Es war nur das lumineszierende Glimmen der Fangarme, aber nach der Schwärze schien es mir so hell wie ein Sonnenaufgang, der sich über die Wellen tastete.
Neben mir schwammen zwei aman`Natur in ihrer i´Tascha, der Halbform, ein Männchen und ein Weibchen, sie hatten ihre Arme um mich geschlungen und schleppten mich zum unteren Rand der Qualle.
Wollen sie mich jetzt endgültig dem Vieh zum Fraß vorwerfen?
Ich bin doch schon so gut wie tot.
Sie umrundeten geschickt ein Bündel Tentakel, dann hatten wir den Mund des gigantischen Tieres erreicht.
Ich schluckte.
Rund um den Mund ragten vier riesige Rohre aus dem gallertartigen Körper, die zur Mitte zeigten …
… zwischen zwei von ihnen lag ein dunkles Feld wie ein blinder Fleck auf dem leuchtenden Blau und wir schwammen direkt darauf zu. Sie tauchten mit mir im Schlepp darin ein.
Ein Tunnel!