Angeschwemmt 1.4

Angeschwemmt

Nordatlantik irgendwo vor Island, 12.04.2009, Nachmittag

Ich stupste das Junge an und schwamm zu den drei Schatten nach oben. Es schickte mir ein paar protestierende Geräusche nach, wandte sich dann aber wieder dem Felsen zu.
Ich hätte mich einem anderen Schwarm der ma´Anan anschließen können aber allein bei dem Gedanken vollführte mein Magen einen Salto, als würde ich in einer dreifach Spirale aus dem Wasser springen.
Sie würden mich aufnehmen – natürlich, ohne zu zögern. Und egal, für welchen Schwarm ich mich entscheide, sie wären wahnsinnig nett und würden alles tun, damit ich das schreckliche Erlebnis vergesse, aber …
… letztlich lebe ich dort dasselbe Leben wie in meinem Schwarm. Alles wäre gleich, nur die Namen und Gesichter hätten sich geändert.
Ein kalter Schauer rann mir über den Rücken.
Ich kann das nicht! Ich will Ti´remo, Fe´lima und Ta´berian nicht einfach so austauschen …
Außerdem, auch wenn es nur Sticheleien waren, wenn ich ihn mal wieder hatte abblitzen lassen, Ta´berian hatte recht …
… ich passe nicht zu den ma´Anan.
Aber vielleicht zu den aman´Natur in der Aggra.
Sie waren der Teil unseres Volkes, der sich der Lebensart der Menschen zugewandt hatte und sie hatten Sturmsänger, Krieger, die jahrelang trainierten, um sich den Orcas entgegenzuwerfen und ihren Schwarm zu beschützen. Es hieß, dass sie sich ein rotes Ornament auf die Rückenflosse malten, bevor sie in den Kampf zogen.
Wie immer das auch funktionieren soll. Ich meine, wie malt man mit einer Flosse?
Trotzdem, Ornament hin oder her …
… kein Orca oder Grauer wagte sich in ihre Nähe und das hörte sich für mich sehr verführerisch an.
Ich schluckte.
Allerdings habe ich gerade beinahe eines ihrer Jungen getötet.
Die Drei waren schon zwischen den Felsen verschwunden, als ich auf ihrer Höhe ankam. Sie wussten, dass ich eine ma´Anan war und gingen mir aus dem Weg.
Genauso wie ich es normalerweise tun würde.
Aber die Umstände waren eben nicht normal und ich wollte mich ihnen anschließen, auch wenn sie das noch nicht wussten.
Ist das überhaupt schon mal vorgekommen?
Es gab Geschichten, dass sich aman´Natur einem Schwarm angeschlossen hatten …
… aber umgekehrt?
Ich schnappte nach Wasser, daran hatte ich bisher nie gedacht.
Was wenn sie mich nicht wollen?
Wie soll ich ohne Schwarm überleben?
Ich ruderte hilflos mit den Flossen.
In den endlosen Zyklen, in denen ich mich durch die ewige Dunkelheit der Tiefsee gekämpft hatte, hatte ich nie darüber nachgedacht, ob sie mich überhaupt aufnehmen.
Ich schloss die Augen.
Ich war einfach nur geschwommen, ohne jedes Zeitgefühl und …
… ich werde die Gesänge meines Schwarms weitersingen und eine Sturmsängerin der Aggra werden!
Ich werde nie wieder hilflos zusehen, wie ein Orca jemanden tötet, den ich liebe!
Dieser Gedanke hatte mich am Leben gehalten, den ganzen Weg aus dem Südpazifik bis hinauf an die Küsten vor Island.
Ich werde eine Sturmsängerin der Aggra!
Und wenn sie hundertmal vor mir wegschwimmen, werde ich hundertmal hinter ihnen herschwimmen.
Ich schwamm zu den Felsen, hinter denen die Drei verschwunden waren.
Ich blinzelte, ich hatte das blaue Glimmen für eine Sinnestäuschung gehalten, ein Scherz, den sich meine Augen mit mir erlaubten in der ewigen Nacht …
… aber da war sie – die Aggra.
Ich kannte die Passagen über die Unterwasserstadt in den Gesängen der Erinnerung. Ich hatte sie wieder und wieder gesungen, sehr zu Ti´remos Leidwesen. Ich wusste, dass sie auf und in den Schirm einer riesigen uralten Qualle gebaut war, aber – mir stockte der Atem.
Es zu sehen war etwas ganz anderes.
Ich wusste nicht, wie lange ich einfach über dem zerklüfteten Grat trieb und gebannt das Wunder meines Volkes anstarrte.
Minuten, Stunden …
… keine Ahnung.
Sie war gigantisch. Die Aggra schwebte über einer scheinbar endlosen Sandfläche, die auf drei Seiten von scharfzackigen Felswänden umgeben war. Über den bläulich lumienieszierenden Schirm spannte sich eine schillernde Kuppel, sie verschmolz an den Rändern mit dem Blau der Qualle und schemenhaft konnte ich dahinter …
… ja, was eigentlich erkennen?
Aus den Gesängen wusste ich, dass es Häuser und Straßen sein mussten.
Sie leben also tatsächlich wie Menschen.
Ich schluckte und kam mir plötzlich unendlich klein und verloren vor.
Die Randlappen des Tieres pulsierten träge, die Tentakel schwangen sanft mit den Nesselfäden in der Strömung. Schatten huschten in dem blau leuchtenden Ozean umher, wie winzige Krebstierchen, die in ihrer Suche nach Nahrung einen ziellosen Tanz aufführten.
Nein …
… keine Krebstierchen. Das sind aman´Natur.
Ich schluckte.
Ich hatte meinen Schwarm für groß gehalten, wir waren immerhin dreißig gewesen, aber dort vor mir schwammen dutzende …
… nein Hunderte.
Bei allen Wassern …
Ich schlug ein paarmal mit der Schwanzflosse und trieb auf die gigantische Qualle zu. Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis sie größer wurde.
Die aman´Natur gingen mir aus dem Weg. Immer wenn ich einer der kleinen Gruppen zu nahe kam, schwammen sie zur Seite.
Meine Kehle schnürte sich zu.
Für sie bin ich die Spinnerin, die auf das Geburtsrecht ihrer Art verzichtet …
… und sich freiwillig von Orcas fressen lässt.
Am liebsten hätte ich ihnen zugebrüllt, dass sie recht hatten, dass Ti´remos Überzeugungen und Weisheiten nichts, aber auch gar nichts wert waren im Angesicht eines weit aufgerissenen Orcamauls aber ich trieb stumm zwischen ihnen hindurch, bis ich schräg über der Kuppel schwebte.
Der Anblick war unbeschreiblich.
Zuvor waren es nur undeutlich Schemen gewesen, aber jetzt schwebte ich über der Stadt und sah hinunter auf das geschäftige Treiben. Leere Worte und Begriffe aus den Gesängen der Erinnerung gewannen plötzlich Sinn und Bedeutung: Straße, Gasse, Park und …
… Stuhl.
Ich schluckte.
Nicht schon wieder, bitte.
Ich rollte mich in einer schnellen Drehung auf den Rücken, manchmal half der kurze Augenblick der Desorientierung, um die Bilder des Massakers aus meinem Geist zu vertreiben.
Toll, wahrscheinlich zerreißen sie sich gerade ihre Mäuler über mich.
Eine einsame ma´Anan über der Aggra, die sich scheinbar unkontrolliert auf den Rücken wälzt.
Das dürfte sämtliche Definitionen von seltsamem Verhalten erfüllen. Am Ende lassen sie mich nicht rein, weil sie denken ich hätte eine ansteckende Krankheit.
Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Schwarm …
Stop!