Angeschwemmt 1.3

Angeschwemmt

Nordatlantik irgendwo vor Island, 12.04.2009, Nachmittag

Ich zuckte zusammen.
Was ist das?
Es war stockdunkel, ich konnte die Felsen und die geriffelte Sandfläche mit meinem Lateralorgan fühlen aber nicht sehen. Seit dem Angriff der Orcas hatte ich mich in der ewigen Dunkelheit der Tiefsee verkrochen, die riesigen Meeressäuger jagten selten hier unten.
Sie waren alle tot, mein ganzer Schwarm war ausgelöscht, Ti´remo, La´rella, Fe´lima …
… und Ta´berian.
Er hatte sich am erbittertsten gewehrt.
Ta´berian …
… er war bis über beide Flossen in mich verschossen und hätte alles getan um mein leren´Velan, der, der an meiner Seite schwimmt, zu sein, aber ich habe ihn immer vor den Kopf gestoßen. Ich habe ihm sogar gesagt, dass ich vielleicht in einen anderen Schwarm wechseln will.
Was ich natürlich nie vorhatte.
Warum …?
Keine Ahnung und jetzt ist er tot – zerfetzt von zwei Orcas und ich bin die Einzige, die überlebt hat.
Meine Kehle war wie zugeschnürt.
Gerettet vom Müll der Menschen. Die Orcas waren im Blutrausch und hatten mich hinter dem Stuhl nicht erkannt, ihre Klicks waren primitiver als unser Seitenlinienorgan und wahrscheinlich war ich ihnen nur als amorphe Masse mit vier Beinen erschienen. Ein seltsamer Krebs vielleicht aber auf jeden Fall nichts, das man fressen wollte, schon gar nicht, wenn man mitten in einem Büffet aus dreißig frisch gerissen Haien badete.
Ich war zu feige, meinem Schwarm zu helfen.
Ich schlug hilflos mit den Brustflossen.
Wieder eine Bewegung hinter dem Felsen neben mir, ich verbannte die Erinnerungen in einen entlegenen Winkel meines Geistes und versuchte mich auf den Schatten zu konzentrieren. Auch ohne Schwertwale gab es hier unten genug Lebewesen, für die ich eine leckere Zwischenmahlzeit abgab. Das war das Elend, wenn man zu den mittelgroßen Haiarten zählte, es gab noch genug Glieder in der Nahrungskette über uns.
Deshalb können wir uns ja auch in alles Mögliche verwandeln …
… nur tun die ma`Anan das nicht, weil es nicht unserer natürlichen Lebensart entspricht. Wir lassen uns lieber von einem Rudel hungriger Orcas fressen.
Hurra!
Warum habe ich ihnen nicht geholfen?
Wie denn?
Was hätte ich tun können?
Ta´berian ist größer als ich und …
… nein! Er war größer als ich. Jetzt ist er tot! Er hat sich den Orcas entgegengeworfen und was hat es gebracht?
Nichts! Sie haben ihn zerfetzt. Vor meinen Augen!
Bin ich vielleicht auch schon tot?
Nein! Noch nicht aber bald, wenn ich mich jetzt nicht endlich konzentriere.
Irgendetwas war hinter dem Felsen und hatte wenig Lust sich mir zu zeigen, entweder, weil es selbst Angst vor mir hatte oder weil …
… es wahrscheinlich nicht mit mir kuscheln will.
Ich ließ mich ein Stück von der Strömung treiben. Ich musste für ihn genauso verborgen sein wie er für mich. Solange ich mich nicht bewegte, gab es keine Verwirbelungen und mit etwas Glück tauchte ich an seiner Flanke auf, bevor er es bemerkte.
Will ich das überhaupt?
Die Strömung fächelte mir frisches Wasser zu, das ich durch meinen Mund presste, ich versuchte, mich nur auf das sanfte Auf und Ab meiner Kiemen zu konzentrieren.
Flucht?
Solange ich nicht wusste, was da auf mich lauerte, konnte das tödlicher sein, als mich dem Unbekannten zu stellen. Mit der Schwanzflosse konnte ich mich nicht besonders gut wehren.
Da!
Es war nur ein Schatten, ein kurzes Huschen am äußersten Rand meines Lateralorgans.
Scheiße!
Es schien nicht besonders groß …
… aber was habe ich schon gesehen?
Eine Flosse? Einen Tentakel? Den ganzen Körper?
Mein Herz hämmerte.
Auf jeden Fall ist es verdammt schnell.
Der Fels war grob oval, etwa zweimal meine Körperlänge im Durchmesser und von Kanten und Vorsprünge übersät. Er lag allein auf einer Sandfläche, die sich auf der einen Seite im endlosen Ozean verlor, und auf der anderen von den rauen Wänden eines Felsgrates begrenzt wurde.
Wir können das hier noch ewig weiterspielen.
Frustriert schlug ich mit der Schwanzflosse, der Schwung trieb mich ein Stück um den Felsen herum und den Schatten vor mir her.
Ich war die Letzte meines Schwarms, solange ich unsere Gesänge weitertrug, würden Ta´berian, Fe´lima und die anderen nicht in den dunklen Tiefen des Vergessens versinken.
Wenn ich sterbe, sterben sie ein zweites Mal …
… es wird niemand mehr geben, der sich an uns erinnert, an die Strophen, die wir den Gesängen der Erinnerung hinzugefügt haben, an Ti´remo und Ta´berian …
Mit mir vergeht mein Schwarm endgültig.
Reiß dich endlich zusammen!
Wenn ich ein Stück nach oben schwimme …
… sehe ich ihn wahrscheinlich und biete ihm meinem Bauch an. Tolle Idee!
Aber immer noch besser, als ewig Lobster und Muräne zu spielen. Er rechnet wahrscheinlich nicht damit und wenn ich schnell bin …
Ich spannte die Schwanzflosse an, veränderte ein wenig den Winkel meiner Brustflossen und katapultierte mich mit einem schnellen Flossenschlag zwei Körperlängen nach oben …
… und spürte ihn.
Er schoss nach oben.
Ich rollte mich zur Seite weg, öffnete den Mund und …
Scheiße!
Ich konnte den Schwung gerade noch rechtzeitig abfangen und presste erleichtert einen Schwall Wasser durch die Kiemen.
Direkt vor meiner Nase schwebte ein Junges.
Bei allen Tiefen …
Es rollte sich auf den Rücken, ruderte mit den Brustflossen und zauberte lustige unartikulierte Geräusche in mein Bewusstsein.
Ich hätte beinahe ein Junges zerfleischt!
Aber …
Ich hatte mich nur auf den Schatten konzentriert, vorsichtig tastete ich die restliche Umgebung ab. Und tatsächlich schwebten über mir drei stromlinienförmige Gestalten. Sie hatten nicht eingegriffen.
Warum auch?
Das Junge spielt mit einem Artgenossen, dass ich bescheuert paranoid bin und es fast getötet habe können sie nicht wissen.
Es gluckste mich an und sprudelt mir einen Strom warmes Wasser ins Gesicht.
Es mussten aman´Natur aus der Aggra sein, in der Nähe der Unterwasserstadt gab es keinen Schwarm der ma´Anan, wir mieden das Gebiet.