Angeschwemmt 1.2

Angeschwemmt

Pride of the Seven Seas, 05.07.2008, Vormittag

Lasse Sattler legte das Buch zur Seite und nahm die Kopfhörer aus den Ohren. Auf einem Kreuzfahrtschiff passierte für gewöhnlich nichts Außergewöhnliches.
Das war ja der Witz daran, man bezahlte viel Geld für die minutiös durchgeplante Langeweile und den asketischen Blick auf das ewig gleiche Meer.
Dass sämtliche Leute um ihn herum von ihren Liegen auf dem Promenadendeck aufsprangen und wie eine real existierende Schar Lemminge Richtung Vorderteil des Schiffes strömten, war für sich genommen schon außergewöhnlich aber es bedeutete wohl, dass es dort noch etwas Außergewöhnlicheres geben musste. Etwas das faszinierend oder abstoßend genug war, um aus seinen Mitmenschen den Homo Gaffer werden zu lassen, eine in Rotten auftretende, intelligenzbefreite Kreatur, die mit Vorliebe Rettungswege blockierte und sich selbst in Gefahr brachte.
Und ja er hatte schlechte Laune …
… seit ungefähr fünf Tagen, oder genauer, seit dem Zeitpunkt an dem er den Flieger bestiegen hatte, der ihn in letzter Konsequenz in die enge Kabine an Bord der Pride of the Seven Seas verfrachtet hatte.
Es hatte das Highlight ihrer Beziehung werden sollen, sie hatten monatelange geplant, Kataloge strategisch liegen lassen, wenn Besuch kam und das Thema taktisch zu jedem möglichen und unmöglichen Zeitpunkt in eine Unterhaltung eingestreut. Besonders die Frage, ob es wirklich nur eine Kreuzfahrt im Pazifik oder nicht doch lieber eine Luxussafari am Fuß des Kilimandscharo sein sollte, hatten sie ausgiebig mit den Freuden diskutiert und die neidvolle Frage, ob sie sich das denn wirklich leisten konnten, hatte Steffi immer mit unschuldig klimpernden Augen und dem zuckersüßen Satz: »… Schatzi hat doch geerbt«, abgeschmettert.
Mit anderen Worten, sie hatten alles richtig gemacht.
Zumindest aus weiblicher Sicht, er hatte sich dabei immer so wohl gefühlt wie ein Krebs im heißen Wasser, was nicht zuletzt daran lag, dass die Erbschaft von Tante Hannelore mit der Kreuzfahrt fast komplett verprasst war.
Kein schöner Gedanke.
Und dann hatte sie Pjotr getroffen.
Der Mann hatte Arme, die dem Rest der menschlichen Spezies locker als Oberschenkel dienen würden, einen Rücken, wie ein Wandschrank und mehr Haar auf der Brust als ein Grizzly um sein Gemächt trug. Und er stank erbärmlich nach billigem Wodka und Motoröl. Wahrscheinlich kommunizierten die beiden mit Grunzlauten und er markierte sein Revier, indem er an Bäume und Hauswände pinkelte.
Mit anderen Worten Steffi hatte ihm den Laufpass gegeben, eine Woche vor ihrer großen Reise und so war er allein gefahren – die dümmste Idee seit der Erfindung des handgeklöppelten Kondoms.
Er hatte nichts gegen emanzipierte Frauen, wirklich nicht. Seine Partnerin sollte so etwas wie einen eigenen Willen haben, ein paar Entscheidungen treffen und beim Sex oben sitzen dürfen – die drei K Frau der Großeltern, Kinder, Küche, Kirche, wurde bestimmt bald langweilig …
… aber so?
Aber moderne Frauen wie Steffi waren nicht einfach emanzipiert, sie waren …
… nun ja, so anschmiegsam wie ein Kaktus.
Nicht einer von diesen großen Kakteen aus den billigen Western mit den dicken Stacheln, sondern diese kleinen fiesen Biester mit den runden Ohren und den winzigen Piksern, die sich in der Haut verhakten und die man dann wochenlang nicht mehr rausbekam. Allein beim Gedanken daran sträubten sich ihm die Nackenhaare, seltsamerweise fand man diese Sukkulenten bevorzugt auf der Fensterbank der 68er-Generation. Die ultimative Rache der Blumenkinder an ihren Nachkommen, die lieber Nerdpornos im Internet guckten, statt dem Weg aus Sex und freier Liebe weiter zu folgen. Spannung pur, wer steckt wem den USB-Stick in den Laptop.
Er seufzte.
Langsam defilierten die letzten Mitreisenden in hektischer Betriebsamkeit an ihm vorbei und er schloss sich ihnen an, nicht dass er zu diesen Homo Gaffern zählte, aber schließlich hatte er all inclusive bezahlt und damit wollte er das volle Programm, egal was es war, Piratenüberfall, Feuer an Bord oder schlicht ein verirrter Eisberg in der Südsee, den sie gerammt hatten.
Und da war er wieder bei der unglücklichen Kombination aus Erwartungshaltung und Urlaub, seinem Lieblingsthema in den endlosen Diskussionen zwischen sich und in Ermangelung eines anderen Gesprächspartners sich selbst. Wenn man von Kreuzfahrt sprach, geisterten den meisten Menschen Bilder der Titanic durch den Kopf, ein schnittiges Schiff mit nach hinten geneigten Schornsteinen, dem man die Lust an der Geschwindigkeit ansah, ein verschwenderischer Speisesaal, in dem erlesenste Köstlichkeiten auf feinstem Porzellan zelebriert wurden, Kronleuchter und Kandelaber, eine riesige Treppe, auf der die Angebetete in einem seidenen Abendkleid hinabglitt und riesige Kabinen, die eher an eine Zimmerflucht erinnerten …
… nun die Pride of the Seven Seas hatte nichts von all dem. Sie war eines der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt und erinnerte eher an einen Plattenbau aus der ehemaligen Sowjetunion als an ein nautisches Vehikel. Eine Kommerzfabrik ohne den längst vergangenen Charme und Luxus der Belle Époque, eine Stadt, in der man tagelang unterwegs sein konnte, ohne auch nur ein einziges Mal das Meer zu sehen. Ein Theater, drei Kinos, sechs Restaurants plus das Hauptrestaurant, zehn Cafés, sechzehn Aufzüge und zweiundfünfzig Boutiquen, versuchten davon abzulenken, dass rund herum nichts war, außer in den meisten Fällen die Endlosigkeit des Ozeans.
Er hatte eine Three Star Nautilus Deluxe Kabine gebucht, die freundliche Dame im Reisebüro hatte etwas von gehobener Mittelklasse gefaselt, aber der beförderte Schuhkarton war eigentlich nur etwas für eingefleischte Wohnklofetischisten. Das Doppelbett war so gigantisch, dass eine gemeinsame Belegung entweder nur übereinander oder schichtweise nacheinander möglich war.
Aber kleine Räume hatten einen weiteren Nachteil …
… neben dem, dass sie klein waren.
Man spürte die Einsamkeit intensiver, das Unterbewusstsein konnte sich nicht mehr damit hinausreden, dass die Partnerin vielleicht im Bad, in der Küche oder im Schlafzimmer war …
… in einem einzigen Raum hieß nicht da genau das – nicht da. Und deshalb verbrachte er die meiste Zeit auf dem Promenadendeck mit dem zweitklassigen Krimi eines drittklassigen Autors. Es ging um einen Psychopathen, tote junge Frauen, einen desillusionierten dauerbetrunkenen Dorfpolizisten und ein völlig vorhersehbares Ende. Aber nein, er wollte nicht ungerecht sein, in seiner momentanen Gemütsverfassung würde er wahrscheinlich selbst den gehyptesten Bestseller runtermachen.
Steffi hatte nicht einfach mit ihm Schluss gemacht …
… und es ging auch nicht um die Erbschaft mit der er eigentlich Sinnvolleres hätte anstellen können als …
Er war mittlerweile dreißig und sie hatte einen Teil seiner Lebensperspektive zerstört.
Sie war nicht seine Erste und auch nicht die große Liebe gewesen. Steffi war das nette Mädchen von nebenan, die immer da war und mit der man irgendwann zusammenwuchs – so unspektakulär, wie es sich anhörte. Und vermutlich könnte er das mit jeder x-beliebigen Frau wieder machen, gemeinsam Weggehen, die große Liebe versprechen und mit ihr zusammenwachsen, aber das würde das Prinzip der Liebe so schrecklich austauschbar machen. Dann wäre eine Partnerin wirklich nur noch eine Lebensabschnittsgefährtin, man lernte sich kennen, flirtete ein wenig, ging einen Teil des Weges zusammen und trennte sich wieder. Auswechselbare Gesichter, an denen er stoisch das immer gleiche Programm abarbeitete, denn wenn es die große Liebe nicht gab, gab es auch keine Hoffnung auf ein Happy End und man konnte nicht ein gesamtes Leben auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner aufbauen.
Wenn er den Ritt noch einmal wagte, wollte er den ganzen Kuchen, den wirklich guten Stoff. Er wollte die wahre Liebe, die, derentwegen einst Troja brannte und er klaglos barfuß durch die Wüste Sahara laufen würde. Das volle Programm eben, die Schmetterlinge im Bauch, die Dates, das Kennenlernen, Zusammenziehen, die Verlobung inklusive Feier und die Hochzeit komplett mit Junggesellenabschied davor und Schwiegermonster danach und dann, frühestens dann, würde er sich mit der Kinderplanung beschäftigen.
Er wollte nicht Vater werden mit der gleichen Nonchalance, mit der er ein Goldstück in der Toilette abseilte und abzog.
Mit anderen Worten …
… frühestens in fünf Jahren.
Und das hieß, sein Sohn …
… gehen wir mal davon aus, dass er einen Sohn haben würde, wäre fünfzehn, wenn er seinen Fünfzigsten feierte, und mit dem Studium fertig, wenn er seinen Rentenantrag einreichte.
Kinder bekam man mit zwanzig oder fünfundzwanzig aber nicht mehr mit fünfunddreißig oder vierzig, zumindest nicht, wenn sie noch Papa zu einem sagen sollten und nicht Opa.
Und damit hatte Steffi ihn erfolgreich aus dem Arterhaltungsprogramm der Gattung Homo sapiens herausgemendelt.
Die Menge hatte ihr Ziel mittlerweile fast erreicht, die Reling auf der anderen Seite des Schiffes.
Wieder so ein Mysterium des Lebens …
… Reling. Warum gab es für jeden Scheiß auf einem Schiff einen eigenen Namen?
Warum Reling und nicht einfach Geländer?
Eigentlich hätte es ihm ja egal sein können, wenn eine Berufsgruppe eine fachspezifische Sprache hatte, Dachdecker hatten wahrscheinlich eine, Rechtsanwälte und Mediziner auch, aber die machten sich wenigstens die Mühe, den Kauderwelsch zu übersetzen, bevor sie in die Niederungen von Otto Normalschwein hinabstiegen – zumindest manchmal.
Seeleute waren da ein anderes Kaliber, was ihm spätestens beim Einchecken bewusst geworden war. Er hatte CA E-36/BB, damit hatte er Kabine 36 auf dem E-Deck, soweit recht logisch, aber BB?
Dass damit backbord gemeint war und er offensichtlich auf der falschen Seite gesucht hatte, als er ein spanisches Pärchen, wutschnaubend radebrechend und händeringend aus »seiner« Kabine verbannen wollte, verriet ihm erst ein süffisant grinsender Stewart, der ihn darauf aufmerksam machte, dass er auf der falschen Seite war.
Der Lackaffe war das personifizierte Schuhladengesicht – reintreten und wohlfühlen.
Warum nicht einfach rechts, links, vorn, hinten und so weiter?
Nichts ging mehr, die Flut der Lemminge war zum Stillstand gekommen, anscheinend hatten sie ihr Ziel erreicht. Irgendwo vor ihm waren aufgeregte Stimmen zu hören, aber er konnte rein gar nichts erkennen, außer verschwitzten krebsroten Nackenpartien und knapp sitzenden Maurerdekolletees.
So hatte er sich das jetzt nicht unbedingt vorgestellt.
Natürlich könnte er warten, vielleicht machten die vor ihm Stehenden irgendwann generös Platz …
… für praktiziertes Gutmenschentum bekam man Gummipunkte auf der Altruistenskala und im nächsten Leben konnte man damit vermutlich einen Vierfarbtoaster oder eine ganze halbe Waschmaschine erstehen.
Der Wahnsinn!
Aber er war kein besonders großer Fan von Wertmarkenkleben und Zielsparen, außerdem hatte er dafür nicht seine überaus spannende Lektüre unterbrochen.
Mit engagiertem Ellbogeneinsatz, ambitionierter Beinarbeit und einigen taktischen Kickbacks arbeitete er sich durch die vor ihm Stehenden zur Reling …
… und hielt den Atem an.