Angeschwemmt 1.1

Angeschwemmt

Pazifischer Ozean irgendwo vor Neuseeland, 05.07.2008, Vormittag

 

Keine Ahnung, wie spät es war, irgendwann zwischen Sonnenaufgang und zweiter Makrele.
Das war natürlich keine Zeiteinteilung, die in den Gesängen der Erinnerung erwähnt wurde …
… es war meine ureigenste und persönliche.
Ti´remo würde es mal wieder als Aufbegehren meines rebellischen Geistes tadeln, mit erhobener Flosse und strengem Blick …
… ja du mich auch mal.
Das Imponiergehabe und die donnernde Stimme beeindruckten mich schon lange nicht mehr, vielleicht geriet ich deshalb in letzter Zeit immer öfters mit dem amasch´Lareff, dem Ersten des Schwarms aneinander …
… wie heute Morgen.
Wir machen gerade einen riesen Umweg wegen eines einzigen Kreuzfahrtschiffes.
Sie haben Taucher …
… ja und?
Wir sind Haie, was werden die Menschen wohl in uns sehen?
Außerdem, wir könnten uns ja auch in Menschen verwandeln und ein bisschen Spaß mit ihnen haben.
Aus! Sitz! Böser Fisch!
Allein die Idee war ein Sakrileg für eine ma´Anan.
Wir sind eins mit der Natur und dem Wasser, begehren nichts, sind reinen Geistes …
… bla bla blub.
Ich kann das thunfischdämliche Gelaber nicht mehr hören …
Und deshalb schwimmen wir jetzt durch ein Gebiet, in dem wir noch nie waren und in dem es nichts außer langweiligen doofen Korallen gibt.
Toll!
Ich hatte mich auf das Treffen mit dem anderen Schwarm gefreut, Ri´mana war so etwas wie eine Seelenschwester und ich brauchte dringend mal wieder jemanden zum Lästern.
Ich seufzte, ließ mich mit der Strömung treiben und musterte das seltsame Objekt im Riff, das meine Aufmerksamkeit erregt hatte.
Wenigstens ein Hauch von Abwechslung.
Es hing schief in dem Meer aus bunten Korallenstöcken, ein Fremdkörper, der so offensichtlich nicht in die exotische Unterwasserwelt passen wollte und der doch bald von ihr überwuchert sein würde.
So wie mein Traum von Freiheit irgendwann von den Traditionen und Regeln des Schwarms überwuchert und erdrückt sein wird.
Ich spannte kurz die Schwanzflosse an und schob mich etwas näher heran, ein paar blau-gelbe Doktorfische huschten zur Seite.
Vorsichtig stupste ich das seltsame Ding mit meiner rechten Brustflosse an, es hatte sich in einer roten Koralle verhackt und bewegte sich nicht.
Wofür brauchen sie das?
Aber das fragte ich mich bei dem Meisten, das die Menschen ins Meer warfen.
Mit einem weiteren Flossenschlag ließ ich mich langsam um das Ding herumtreiben. Es sah lustig aus, ein bisschen wie ein Krebs: vier Beine, auf denen eine kleine runde Platte ruhte.
Irgendwo in den Gesängen der Erinnerung war es bestimmt erwähnt, wahrscheinlich in dem Teil, den die ma´Anan so gerne ausließen.
Ich sah nach oben, die Sonne glitzerte auf der Wasseroberfläche, von unten wirkte es wie ein Spiegel aus flüssigem Silber. Die schlanken stromlinienförmigen Körper der ma`Anan tanzten ein schwereloses Ballett vor dem sonnendurchfluteten Blau.
So friedlich …
Aber ich konnte ihre Blicke auf meiner Rückenflosse spüren, sie waren wenig begeistert über mein Interesse an menschlichen Hinterlassenschaften und ich würde mir bald wieder einige ätzende Kommentare anhören dürfen.
Also, wofür brauchen sie das jetzt?
Ich stupste das Ding noch einmal an, aber es wollte mir sein Geheimnis nicht preisgeben.
»Wir müssen weiter Mi´lana, das Schiff ist schon sehr nahe«, die Stimme des Ersten brauste in meinem Kopf wie eine Gewitterfront. Deutlicher konnte er sein Missfallen über mein Verhalten kaum zeigen.
»Weißt du, was das ist Ti´remo?«, ich spielte die betont Unbeeindruckte. Mit der Außenseiterrolle hatte ich mich schon lange abgefunden, jeder Schwarm brauchte jemanden, über den sie lästern konnten.
»Sie nennen es einen Stuhl, sie ruhen sich darauf aus. Aber das ist nichts, was eine ma´Anan interessieren sollte.«
Schon klar.
»Sieht ein bisschen aus wie ein Krebs, findest du nicht?«
»Mi´lana komm, wir wollen weiter.«
Nö!
Ich hatte gerade meinen Spaß daran, die Aufmerksamkeit des amasch´Lareff auf dieses Ding zu fixieren.
Bin ich halt der Schmuddelfisch des Schwarms. Stuhl hört sich irgendwie toll an …
»Wie ruhen sie sich denn darauf aus? Ich meine …«
»Mi´lana!«, Ti´remos Stimme donnerte noch lauter, am liebsten hätte ich mich auf den Rücken gerollt und ein paar Schrauben gedreht vor Vergnügen, aber damit hätte ich endgültig die Linie überschritten.
Nicht, dass es nicht schon passiert wäre. Das letzte Mal musste ich zehn Zyklen auf die Jungen aufpassen.
Einen Schwarm Wasserflöhe hüten ist lustiger …
… es waren nur Schemen in den Augenwinkeln.
Ich drehte mich zur Seite.
Schwarz-weiße Schatten schossen aus den dunklen Tiefen des Riffs nach oben, vier, fünf, zehn oder mehr.
Orcas!
Eine ganze Schule!
Sie katapultierten sich mit aufgesperrten Rachen in den Schwarm, der Vorderste packte Ti´remo in der Mitte, schoss mit ihm im Maul aus dem Wasser, klatschte auf die Wellen und versank in einem blutroten Strudel wieder in den Fluten.
Die Orcas wüteten unter ihnen, einer verbiss sich in Fe´limas Schwanzflosse, schleuderte sie herum und …
… dann trieb ihr regloser Körper im Wasser – ganz ohne Schwanzflosse. Sie versank langsam im Dunkel zwischen den Korallen.
Ta´berian hatte sich verzweifelt in der Rückenfinne eines Orcas verbissen, der schwarz-weiße Gigant schnellte aus dem Meer, schlug mit der Flanke auf den Wellen auf …
… und mein leren´Velan trudelte leblos in die Tiefe.
Ich war wie gelähmt, kauerte neben dem Stuhl der Menschen und wagte keine Flosse zu bewegen.
Hilf ihnen!
Es war meine eigene Stimme, die in meinem Schädel gellte und die sich so unendlich fremd anfühlte. Die Orcas zerfetzten uns …
… und ich konnte mich nicht bewegen.
Hilf ihnen …
… wie denn?
Da war eines der Jungen, auf das ich so lange aufgepasst hatte. Es versuchte panisch, zu den Korallen zu entkommen …
… und wurde nach ein paar Flossenschlägen von einer Orcakuh verschlugen.
Das helle Blau des Ozeans färbte sich rot, ein blutroter Vorhang, der sich zwischen mich und das, was einmal mein Schwarm war, schob.
Ich schrie …